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Ausmalen und der Flow-Zustand

Flow setzt eine Herausforderung voraus, die das eigene Können dehnt, und Malen nach Zahlen hat absichtlich keine. Was dabei stattdessen entsteht, ist bequeme Vertiefung, und das ist etwas anderes und völlig ausreichend.

Kaum ein Begriff wird im Zusammenhang mit Ausmalen so bereitwillig verwendet wie Flow. Er klingt gut, er erklärt scheinbar, warum die Zeit dabei anders vergeht, und er verleiht einer harmlosen Beschäftigung ein wenig psychologisches Gewicht. Nur passt er nicht, und der Grund dafür ist aufschlussreicher als die Behauptung selbst.

Was mit Flow ursprünglich gemeint war

Der Begriff geht auf Mihály Csíkszentmihályi zurück, der damit einen Zustand vollständigen Aufgehens in einer Tätigkeit beschrieb. Zu den Merkmalen, die er nennt, gehören klare Ziele, unmittelbare Rückmeldung über das eigene Tun, ein Verschmelzen von Handlung und Bewusstsein, das Verschwinden der Selbstbeobachtung und ein verändertes Zeitempfinden. Die entscheidende Bedingung aber ist eine andere: ein Verhältnis zwischen Anforderung und Können, bei dem die Anforderung knapp oberhalb der eigenen Fähigkeit liegt.

Dieses Verhältnis ist der Kern der ganzen Konstruktion, nicht ein Detail am Rand. Liegt die Anforderung deutlich über dem Können, entsteht Anspannung. Liegt sie deutlich darunter, entsteht Langeweile. Nur in dem schmalen Band dazwischen, in dem die Aufgabe fordert, ohne zu überfordern, ergibt sich der beschriebene Zustand. Flow ist deshalb nichts, was sich einfach herbeiführen lässt: Er setzt voraus, dass zuvor ein Können aufgebaut wurde, an dessen Obergrenze überhaupt gearbeitet werden kann.

Warum Ausmalen diese Bedingung nicht erfüllt

Prüft man Malen nach Zahlen an dieser Liste, sind zwei Punkte klar erfüllt. Das Ziel ist eindeutig, deutlicher als bei fast jeder anderen Freizeitbeschäftigung: Fläche mit dieser Nummer, Farbe mit dieser Nummer. Und die Rückmeldung ist unmittelbar, weil nach jedem Handgriff sofort sichtbar ist, was geschehen ist.

Der dritte Punkt fehlt vollständig, und zwar mit Absicht. Es gibt keine Anforderung, die ein Können dehnt, weil die gesamte Schwierigkeit im Voraus entfernt wurde. Die Zeichnung liegt vor, die Aufteilung in Flächen ist entschieden, die Farbwahl ist entschieden, die Zuordnung ist ausgeschrieben. Es kann nicht besser oder schlechter gemacht werden, es kann nur gemacht oder nicht gemacht werden. Wer zum hundertsten Mal ein Feld füllt, ist darin nicht besser als beim ersten Mal, und das ist kein Mangel der Sache, sondern ihr Zweck.

Nach der Konstruktion selbst gemessen fällt Ausmalen damit nicht in den Flow-Bereich, sondern in das Feld darunter, das mit Entspannung oder auch mit Langeweile beschrieben wird, je nachdem, wen man fragt. Genau diese Doppeldeutigkeit erklärt nebenbei, warum dieselbe Tätigkeit von manchen als wohltuend und von anderen als zäh erlebt wird.

Was stattdessen entsteht

Damit ist die Erfahrung, die Leute beschreiben, nicht widerlegt. Dass eine halbe Stunde vergeht, ohne dass sie bemerkt wurde, ist eine reale Beobachtung. Sie braucht nur einen anderen Namen. Bequeme Vertiefung trifft es besser: ein Zustand, in dem genug Aufmerksamkeit gebunden ist, um das Gedankenkreisen zu unterbrechen, aber zu wenig gefordert wird, um Anstrengung zu erzeugen.

Der Unterschied zum Flow ist nicht bloß begrifflich, sondern praktisch, und er zeigt sich an mehreren Stellen. Flow ist nicht verfügbar, wenn man ihn braucht; er verlangt eine passende Aufgabe, ausreichend Können und meist eine längere ungestörte Zeitspanne. Bequeme Vertiefung ist an einem beliebigen Abend um halb elf auf dem Sofa verfügbar, ohne Vorbereitung und ohne Voraussetzung. Flow lässt sich schwer unterbrechen, ohne dass etwas verloren geht; das Ausmalen kann mitten in einer Fläche enden, ohne dass irgendetwas kaputtgeht.

Auch das Ende unterscheidet sich. Nach einer fordernden Tätigkeit im oberen Bereich des eigenen Könnens bleibt oft eine Mischung aus Zufriedenheit und Erschöpfung. Nach einer halben Stunde Ausmalen bleibt in der Regel nichts weiter als das Aufhören. Wer daraus einen Vorwurf konstruieren möchte, hat den Zweck der Sache missverstanden: Eine Beschäftigung, die nichts hinterlässt, ist ausgerechnet abends ein Vorteil.

Warum die Unterscheidung nützlich ist

Sie schützt vor einer verbreiteten Enttäuschung. Wer mit der Erwartung anfängt, in einen besonderen Zustand versetzt zu werden, weil das irgendwo behauptet wurde, wird feststellen, dass genau das nicht passiert, und daraus schließen, es funktioniere bei ihm nicht. Tatsächlich funktioniert es genauso, wie es soll, nur ist das Versprechen falsch beschriftet gewesen.

Sie hilft außerdem bei der Wahl. Wer nach einer Aufgabe sucht, in der er wachsen kann, ist mit einem Instrument, einer Sprache, einer Sportart oder auch mit freiem Zeichnen besser bedient, denn dort gibt es die Schwierigkeit, die Flow überhaupt erst möglich macht. Wer nach einer Beschäftigung sucht, die keine Kapazität anfordert, ist beim Ausmalen richtig. Beides gleichzeitig ist nicht zu haben, und die verbreitete Neigung, jeder Freizeitbeschäftigung eine Entwicklungsdimension anzudichten, macht die harmlosen unter ihnen nur unnötig anstrengend.

Es gibt einen kleinen Vorbehalt. Ganz frei von Anforderung ist die Sache in dichten Motiven nicht: Die passende Fläche in einem eng gezeichneten Ornament zu finden und sicher zu treffen, ist eine echte, wenn auch bescheidene Aufgabe. Wer die Vertiefung an dieser Stelle besonders deutlich erlebt, hat vermutlich genau diesen schmalen Rest an Schwierigkeit gefunden. Zum Flow reicht das nicht, aber es erklärt, warum ein etwas anspruchsvolleres Motiv manchmal besser trägt als ein sehr grobes.

Am Ende steht eine schlichte Umbenennung. Was beim Ausmalen entsteht, ist nicht der Zustand aus der Fachliteratur, sondern eine ruhige, unaufgeregte Vertiefung mit niedrigem Einsatz und ohne Anspruch. Das ist eine eigene Sache und keine schwächere Ausgabe von etwas anderem.

Häufige Fragen

Erzeugt Ausmalen einen Flow-Zustand?

Nach der ursprünglichen Beschreibung von Mihály Csíkszentmihályi eher nicht. Klare Ziele und unmittelbare Rückmeldung sind gegeben, die entscheidende Bedingung fehlt jedoch: eine Anforderung, die knapp oberhalb des eigenen Könnens liegt. Beim Ausmalen wurde die Schwierigkeit absichtlich vorab entfernt.

Was passiert dann, wenn die Zeit dabei so schnell vergeht?

Eine bequeme Vertiefung: Es ist genug Aufmerksamkeit gebunden, um das Gedankenkreisen zu unterbrechen, und zu wenig gefordert, um Anstrengung zu erzeugen. Das ist ein anderer Zustand als Flow, aber jederzeit verfügbar und ohne Voraussetzungen.

Ist bequeme Vertiefung weniger wert als Flow?

Sie ist anders, nicht schlechter. Flow verlangt aufgebautes Können, eine passende Aufgabe und ungestörte Zeit; ruhige Vertiefung verlangt nichts davon und lässt sich mitten in einer Fläche abbrechen, ohne dass etwas verloren geht. Für einen späten Abend ist genau das der Vorteil.

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