Ist Malen nach Zahlen echte Kunst?
Komposition, Palette und Grenzen sind entschieden, bevor die erste Fläche gefüllt wird. Das macht Malen nach Zahlen zum Handwerk und nicht zur Autorschaft – was keine Abwertung ist, denn das meiste, was Menschen mit Vergnügen herstellen, ist ebenfalls keine Autorschaft.
Die Frage „Ist das eigentlich Kunst?" wird fast immer in einem von zwei Tonfällen gestellt. Entweder leicht verteidigend, von jemandem, der drei Abende an einem Bild gesessen hat und merkt, dass er es niemandem zeigen möchte, ohne sich vorher zu erklären. Oder leicht herablassend, von jemandem, der danebensteht und findet, dass hier ja nur ausgefüllt werde. Beide Tonfälle setzen dasselbe voraus, nämlich dass „Kunst" die oberste Schublade sei und alles andere ein Trostpreis. Genau diese Voraussetzung lohnt es sich zu prüfen, bevor man die Frage überhaupt beantwortet.
Die nüchterne Antwort lautet: Malen nach Zahlen ist Handwerk, nicht Autorschaft. Das lässt sich ziemlich genau begründen, und es ist ausdrücklich keine Abwertung – denn das allermeiste, was Menschen mit Vergnügen herstellen, ist ebenfalls keine Autorschaft.
Alles Wesentliche ist entschieden, bevor man anfängt
Ein Bild besteht als gestalterische Aufgabe im Kern aus drei Entscheidungen: Was ist zu sehen und wie ist es angeordnet, welche Farben kommen überhaupt vor, und wo genau verläuft die Grenze zwischen zwei Farbflächen. Bei Malen nach Zahlen sind alle drei bereits gefallen, bevor die erste Fläche gefüllt wird. Die Komposition stammt aus der Vorlage. Die Palette liegt als feste Liste vor, meist ein bis drei Dutzend Töne. Und die Grenzen sind nicht bloß eingezeichnet, sie sind der eigentliche Datenbestand: Jede Fläche trägt eine Nummer, und diese Nummer sagt bereits, welcher Ton hineingehört.
Übrig bleibt die Ausführung. Das ist nicht nichts. Ausführung ist der Teil, der Zeit kostet, Aufmerksamkeit bindet und am Ende das sichtbare Objekt hervorbringt. Aber es ist eine andere Tätigkeit als jene, um die im Kunstbegriff gestritten wird. Wer eine Fläche füllt, trifft keine Aussage darüber, wie das Bild aussehen soll; die Aussage lag schon vor.
Am deutlichsten wird der Unterschied bei der Frage, woran hier ein Fehler erkennbar wäre. Bei einem frei gemalten Bild gibt es keinen Fehler, sondern nur ein Ergebnis, das gefällt oder nicht gefällt. Bei Malen nach Zahlen gibt es einen eindeutigen Fehler: die falsche Nummer in der falschen Fläche. Überall dort, wo Richtigkeit definierbar ist, liegt keine Autorschaft vor. Das ist kein moralisches Urteil, sondern eine Beschreibung der Aufgabe.
Handwerk ist eine eigene Kategorie, kein misslungenes Kunstwerk
Im deutschen Sprachraum gibt es für diesen Bereich ein angenehm unverkrampftes Vokabular: Handarbeit, Basteln, Werken. Niemand hält eine Person, die nach einer Strickanleitung einen Pullover fertigt, für eine gescheiterte Modedesignerin. Niemand nennt einen Chorsänger einen erfolglosen Komponisten. Und niemand verlangt von einem Kuchen, dass das Rezept selbst erfunden sein muss, damit sich das Backen gelohnt hat.
In all diesen Fällen liegt der Reiz gerade darin, dass die Struktur von außen kommt. Sie nimmt die Last der Entscheidung ab und lässt die Aufmerksamkeit dort, wo sie angenehm ist: bei der Bewegung, beim Fortschritt, beim wachsenden Gegenstand. Wer vor einer leeren Fläche sitzt, muss zuerst eine Entscheidung erfinden, und das ist anstrengend. Wer vor einer nummerierten Fläche sitzt, muss nur noch tun.
Es spricht wenig dafür, ausgerechnet beim Ausmalen eine Ausnahme zu machen und dieselbe Art von Tätigkeit, die beim Sticken oder beim Modellbau selbstverständlich als Handarbeit durchgeht, plötzlich an den Maßstäben der bildenden Kunst zu messen.
Was trotzdem an Entscheidungen übrig bleibt
Die Behauptung, es bleibe gar nichts mehr zu entscheiden, wäre übertrieben. Es bleiben einige echte Freiheiten, sie liegen nur nicht dort, wo man sie zuerst sucht.
- Die Reihenfolge der Farben, etwa von dunkel nach hell, von großen zu kleinen Flächen oder Bildbereich für Bildbereich. Das verändert das Ergebnis nicht, aber den Verlauf des Abends erheblich.
- Tempo und Länge der Sitzung, einschließlich der Entscheidung, mitten in einer Farbe aufzuhören.
- Die Wahl der Vorlage selbst. Sie ist faktisch die größte gestalterische Entscheidung im ganzen Vorgang und wird meist in zehn Sekunden getroffen.
- Bei manchen Vorlagen die Freiheit, eine Nummer bewusst mit einem anderen Ton zu belegen. In dem Moment rutscht das Ergebnis sofort wieder in Richtung Autorschaft, und zwar messbar: Es gibt dann keinen definierbaren Fehler mehr.
- Die Entscheidung, ein Bild unfertig liegen zu lassen. Auch das ist zulässig und richtet keinen Schaden an.
Warum die Frage so hartnäckig gestellt wird
Der westliche Kunstbegriff der letzten zweihundert Jahre ist stark um die Vorstellung des originalen Einfalls herum gebaut. Ein Werk gilt als wertvoll, weil es auf eine bestimmte Person zurückgeht und weil vorher niemand genau dieses Ding gemacht hat. Ein Markt braucht diese Zurechenbarkeit dringend, weil er sonst nicht wüsste, was er eigentlich handelt; eine Signatur ist ökonomisch betrachtet vor allem eine Zurechnungsvorrichtung.
Vor diesem Hintergrund war schon die Papierform des Verfahrens ein dankbares Reizthema. Als in den fünfziger Jahren die Sets der Palmer Paint Company unter dem Namen Craft Master in großer Zahl in amerikanische Wohnzimmer kamen – die Ausarbeitung der nummerierten Flächen wird Dan Robbins zugeschrieben, das Unternehmen gehörte Max Klein –, wurde daran eine Debatte über Massenware und Geschmack geführt, die mit den Bildern selbst wenig zu tun hatte. Die gern weitererzählte Geschichte, Leonardo da Vinci habe seinen Schülern nummerierte Felder zum Ausfüllen gegeben, gehört übrigens in den Bereich der Firmenlegende und nicht in den der Kunstgeschichte.
Wer heute fragt, ob das denn Kunst sei, führt meist unbemerkt diese alte Debatte weiter. Für die Person, die am Feierabend mit einem Bildschirm auf dem Schoß sitzt, ist sie folgenlos.
Die brauchbarere Frage
Statt „Ist das Kunst?" trägt die Frage „Was für eine Tätigkeit ist das, und mag ich sie?" deutlich weiter. Malen nach Zahlen ist eine Tätigkeit mit sehr niedriger Einstiegsschwelle, mit klaren Zwischenzielen, mit einem sichtbaren Ergebnis und ohne jedes Risiko, etwas zu verderben. Wer genau das sucht, bekommt genau das. Wer dagegen den Reiz der offenen Entscheidung sucht, wird hier nichts finden und ist mit einer wirklich leeren Fläche besser bedient, mitsamt allem, was daran unbequem ist.
Ein fertig ausgemaltes Bild ist ein ordentlich hergestellter Gegenstand. Es behauptet nichts, es beansprucht keine Urheberschaft, und es wird nicht besser dadurch, dass man ihm ein Etikett aufklebt, für das es nie gebaut wurde.
Häufige Fragen
Darf man ein selbst ausgemaltes Bild aufhängen?
Natürlich. Ein aufgehängtes Bild muss nichts beweisen, es muss nur gefallen. Die Frage nach Kunst oder Handwerk entscheidet über die Einordnung einer Tätigkeit, nicht darüber, was an einer Wand hängen darf.
Wird es zur eigenen Gestaltung, wenn man andere Farben nimmt als vorgegeben?
Teilweise ja. Sobald die Zuordnung von Nummer zu Farbton frei gewählt wird, gibt es keinen definierbaren Fehler mehr, und damit verschiebt sich die Tätigkeit in Richtung eigener Entscheidung. Komposition und Flächengrenzen bleiben allerdings weiterhin vorgegeben.
Ist Malen nach Zahlen ein guter Einstieg ins Zeichnen?
Nur begrenzt. Trainiert wird vor allem Geduld und ein Gefühl dafür, wie ein Bild aus abgegrenzten Farbflächen aufgebaut ist. Beobachten, Proportionen abschätzen und Farben mischen kommen dabei nicht vor, und das sind die Fähigkeiten, auf die es beim freien Zeichnen ankommt.
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